Artikel YOGA Deutschland Magazin 2014 | Aerial Yoga Berlin

Artikel YOGA Deutschland Magazin 2014

Über dem Boden schweben, das Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit genießen, einfach hin und her schaukeln. Egal ob in München, Hamburg oder Berlin: Yoga im Tuch wird in Deutschland immer populärer. Björn Heucke von Aerial Yoga Berlin findet, dass AerialYoga noch nicht populär genug ist und erklärt, warum sich das ändern sollte.

Seit Urgedenken liebt es der Mensch zu schaukeln und zu baumeln. Schon im antiken Athen zelebrierte man Aiora, das Schaukelfest. Zu Ehren der Göttin Erigone und ihres Vaters Ikarios wurden junge Mädchen oder auch Puppen auf in Bäume hängende Schaukeln gesetzt, hin und her geschwungen und dabei ein Lied gesungen. Wir wiegen unsere Kinder in den Schlaf, später schaukeln sie auf Spielplätzen. Im Alter entdecken wir das sanfte Wiegen von Liegestühlen.

Schaukeln und Wiegen – das sind auch zwei wichtige Elemente von AerialYoga. Man hängt oder sitzt wie in einer Schaukel in einem trapezförmigen Lycra-Tuch, das von der Decke baumelt. So kombiniert Tuch-Yoga das klassische indische Hatha Yoga mit einem der modernsten und vielfältigsten Suspension Sportgeräte überhaupt. Die Dritte Dimension wird ergänzt und die Richtung der Schwerkraft umgekehrt. Anders als beim Yoga auf der Matte ziehen und drücken wir unseren Körper nicht in die Dehnungen, sondern arbeiten mit unserem eigenen Körpergewicht und können uns dosiert in die Asanas ‚hineinhängen’.

In der aktuellen Form ist das AerialYoga eine Weiterentwicklung des AerialSilk Artistik-Show-Sportes. Man kennt die am Tuch hängenden Artisten aus dem Varieté -Theater und aus dem Zirkus. Die freischwingenden Artisten beeindrucken durch ihren Mut, ihre Kraft und ihre Eleganz beim Spiel mit dem Tuch. Hierbei steht nicht das persönliche Training im Vordergrund, sondern die Show für das zahlende Publikum.

Vermutlich haben sich einige Artisten einfach aus Ihrem Tuch eine Schaukel geknotet und los ging es. Tatsächlich wird berichtet, dass in New York, wo die ersten kommerziellen AerialYoga Studios UnnataAerialYoga und AntiGravityYoga gegründet wurden, mindestens fünf „Entwickler“ gleichzeitig und unabhängig voneinander die Tuchschaukelhängematte etablierten. Und auch Rebekah Leach, welche die aktuell besten Bücher zum Thema Tuch-Yoga veröffentlicht, ist eigentlich Tuch-Artistin.

Schaukeln und Wiegen machen uns glücklich

Schaukel- und Wiegebewegungen machen uns glücklich! Es gibt etliche Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema beschäftigen. So entwickelten Forscher der Universität Witten/Herdecke die Methode der ‚Basalen Stimulation’. Schaukeln und Wiegen sollen hierbei in der Pflege vermehrt verwendet werden, um die Sinneswahrnehmungen zu aktivieren. Offensichtlich sind leichte Anregungen, wie sanftes Schaukeln, nützlich, um die Haltung eines Menschen zu stabilisieren und seine Muskelspannung zu normalisieren. “Wir konnten wir feststellen, dass sich dabei ein allgemeines Wohlbefinden einstellte”, so Professor Christel Birnstein von der Universtität Witten/Herdecke in einem Interview. Und eine amerikanische Studie stellte fest: Sanftes Wiegen beruhigt uns so sehr, dass eine Schmerzmitteltherapie überflüssig werden kann.

Schaukeln wirkt sich günstig auf unser Gleichgewichtsorgan aus. Das Vestibularsystem sitzt im Innenohr und enthält Rezeptoren, die Bewegung, Beschleunigung und Verlangsamung, Drehung und Vibrationen empfinden. Das Gleichgewichtsorgan informiert unser Gehirn über die Lage des Körpers im Raum – egal, ob wir laufen, sitzen oder liegen. Es ist ein für uns lebenswichtiges Organ, dessen Tätigkeit wir meist gar nicht bewusst erleben. Wir registrieren es erst dann, wenn es irritiert wird und wir unangenehme Empfindungen wahrnehmen, zum Beispiel wenn uns auf einem schwankenden Schiff oder beim Achterbahnfahren schlecht wird. Unser Gleichgewichtssystem macht uns aber auch Freude! Dabei wandeln sich die Strategien für seine Stimulierung im Laufe unseres Lebens. Kinder hängen kopfüber von Bäumen, Jugendliche tanzen in der Disco und Erwachsene betreiben Sport zur Entspannung und Aufregung gleichermaßen: Skifahren, Reiten, Surfen, Segeln und Snowboarden sind Sportarten, bei denen das Gleichgewichtsorgan intensiv beansprucht wird. Und ebenso ist es auch beim AerialYoga: Wir trainieren unseren Körper und unsere Gleichgewichtssinne. Ab und an mal schaukeln und kopfüberhängen: Das entspannt uns, macht uns größer und aufrechter und glücklicher!

Das Tuch – Dein Partner

Wer sich zum ersten Mal ins Tuch wagt muss meist erst mal ein paar kleinere oder auch größere Ängste überwinden: Wie komme ich in den Stoff rein? Was passiert, wenn ich aus dem Tuch falle? Hält die Befestigung an der Decke mein Gewicht auch wirklich aus? Das sind ganz berechtigte Fragen. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir unsere Tücher einem Stresstest unterzogen und gezeigt: Die Tücher halten mehr als einer Tonne Belastung stand – mehr als jede Schaukel oder Hängematte. Man kann sich also ganz beruhigt hängen lassen.

Vertrauen spielt beim Yoga im Tuch eine wichtige Rolle. Wir lernen, Kontrolle abzugeben und mit einem neuen, erst einmal unberechenbaren Element zu spielen. Dazu lädt das Tuch uns ein: Wir können wieder Kind sein, spielen, erforschen, ausprobieren. Wir ermuntern unsere Schüler in unseren Stunden dazu, das Tuch als ihren Freund, als ihren Partner zu betrachten. Es trägt uns, es umhüllt uns, es hilft uns bei Stellungen, die auf der Matte für ungeübte Yogis oft eine große Herausforderung sind.

Man kann es um die Hüfte wickeln, sich hineinlegen oder nur mit den Beinen daran festklammern und kopfüber herunterhängen. Mal lehnt sich der Oberkörper ins Tuch, mal dehnen sich die Muskeln gegen den Stoff, oder man balanciert mit dem Körpergewicht. Wir arbeiten seit fast fünf Jahren mit dem Tuch und entdecken immer wieder neue Tricks und Techniken. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! Momentan arbeiten wir an verschiedenen Serien von Asanas im Tuch, die jeweils eine spezielle Intention haben. Soll die Klasse meditativ werden, kann man die bunten Tücher hervorragend für Chakrenmeditationen benutzen. Eine Yin-Yoga orientierte Klasse arbeitet viel mit langsamen Bewegungen, hängen und schwingen im Tuch und dem eingehüllten Liegen im Stoff. Das leichte Schwingen des Tuches hat eine besonders entspannende Wirkung auf den gesamten Organismus.

Das Tuch unterstützt vor allem Rückbeugen und hüftöffnende Asanas sehr effektiv. So können auch Anfänger Positionen einnehmen, die sonst nur gut gedehnten und trainierten Sportlern vorbehalten sind. Gleichzeitig können “Profis” ihr Repertoire um Übungen wie “Hängende Sit-Ups” oder gepresste Handstände erweitern, welche sonst eher Zirkusakrobaten vorbehalten sind. Übungen wie die Taube im Tuch wirken enorm weitend und befreiend. Das Tuch ist aber auch für sehr kraftvolle Stunden geeignet. Da es ständig in Bewegung ist, trainiert es den Gleichgewichtssinn und die tief liegende Muskulatur sehr effektiv. Es gibt sehr kraftvolle Übungen, bei denen man ordentlich ins Schwitzen kommt. Mit Fortgeschrittenen Tuch-Yogis machen wir gerne herausfordernde Core- und Handstandserien. Wir arbeiten dabei ständig gegen die Gravitation und die Instabilität des Tuches, was das Training so einzigartig und effektiv macht.

Grundsätzlich ist das Training im Tuch für jeden geeignet. Auch für Menschen, die noch keine Yogaerfahrung haben. Alle Übungen haben verschiedene Schwierigkeitsgrade, die nach Bedarf angepasst werden können. AerialYoga ist aber auch ein intensives Training für den Körper. Deshalb sollten Menschen mit akuten Rückenbeschwerden, Schwangere, Menschen mit Herzkrankheiten und Kreislaufbeschwerden, erhöhten Augeninnendruck oder stark übergewichtige Menschen von Aerial Yoga erst einmal absehen. Bei sonstigen gesundheitlichen Bedenken empfiehlt sich die Rücksprache mit dem Arzt.

Ansonsten: Ob groß ob klein, ob alt ob jung- das Yoga im Tuch ist für alle ein besonderes Erlebnis. Wir unterrichten sogar auch Tuchyoga für Kinder.

Warum gibt es Aerial Yoga noch nicht überall?

Momentan gibt es rund 100 ausgebildete Aerial-Yoga Lehrer in Deutschland und etliche Studios, die fünf bis zehn Tücher in ihren Räumen aufgehängt haben. Leider haben sich aber noch nicht flächendeckend Studios für die Tuchkonstruktion entschieden. Denn dazu gehört der Mut, sich auf etwas Neues einzulassen und zu investieren. Bauliche Maßnahmen an der Studiodecke sollten nicht gescheut werden. Die Kosten lassen sich je nach Räumlichkeiten schon grob in einem Telefongespräch schätzen.

Der Raum sollte mindestens eine Höhe von 2,5 Metern haben. Richtig komfortabel wird es ab einer Deckenhöhe von drei Metern. Die Tücher lassen sich problemlos an Betondecken hängen. Trägerdecken brauchen oft zusätzliche Beschläge. Bei Giebelkonstruktionen ist es meist ratsam einen Statiker hinzuzuziehen. Dieser entscheidet individuell, ob die Decke mit Hilfe eines Zimmermanns verstärkt werden sollte.

Wie sieht die Zukunft des AerialYogas aus?

Sind die Tücher erst einmal installiert, können sie für jedes Studio ein großer Gewinn sein. Oftmals gelten sie als starkes Alleinstellungsmerkmal, da es noch nicht viele mit Tüchern ausgestattete Studios in Deutschland gibt. Nebst dem AerialYoga können die Tücher auch für eine Reihe anderer Kurse benutzt werden: Immer populärer wird das Suspension Training in Gruppen oder als Personal Training. Es gibt bereits Weiterentwicklungen wie Aerial Hoop oder AerialDance. Und auch für die Rehabilitation ist das Tuch bestens geeignet. Schon jetzt kaufen viele Physiotherapiepraxen Tücher für ihre Reha-Patienten und wir wünschen uns, dass das Tuchtraining noch bekannter im Gesundheitswesen wird. Für die Zukunft wäre eine Anerkennung dieses Trainings durch die Krankenkassen und den Bund deutscher Yogalehrer wünschenswert.

Yoga im Tuch macht glücklich, entspannt, richtet auf und belebt unseren kindlichen Spieltrieb wieder neu. AerialYoga hat viele positive Auswirkungen auf den Menschen. Und das ist auch der Grund, warum wir uns wünschen, dass dieser Trend nicht nur ein Trend bleibt, sondern noch weiter in den Yoga- und Sportstudios Deutschlands verbreitet.

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